Zertifiziertes Darmzentrum Coburg
Chefarzt Prof. Dr. med. Bernhard J. Leibl
Chirurg und Visceralchirurg
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- Chefarzt Prof. Dr. med. Bernhard J. Leibl
Wissenswertes zum Thema Darmkrebs
Epidemiologie
In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 70.000 Menschen an Darmkrebs. Sowohl bei Männern als auch bei Frauen ist der Darmkrebs die zweithäufigste bösartige Erkrankung, wobei beide Geschlechter etwa gleich häufig betroffen sind. Die folgende Tabelle veranschaulicht diese Zahlen.
Krebsneuerkrankungen in Deutschland im Jahr 2002
| Männer | Frauen | |||
| Prostata | 48.650 | Brust | 55.150 | |
| Darm | 35.600 | Darm | 35.800 | |
| Lunge | 32.550 | Lunge | 12.450 | |
| Harnblase | 18.850 | Zervix | 11.350 | |
| Magen | 11.200 | Ovar | 9.950 |
Das Lebenszeitrisiko, an einem Darmkrebs zu erkranken, liegt bei etwa 5%. Weltweite Erhebungen zeigen, daß der Darmkrebs am häufigsten in den Industrieländern, z.B. in Westeuropa und Nordamerika, auftritt. Hier wird ein Zusammenhang mit unserer zunehmend ballaststoffarmen Kost, die einen hohen Anteil an tierischem Fett enthält, diskutiert.
Tumorlokalisation
Beim Darmkrebs handelt es sich um einen bösartigen Tumor, der sich aus den Schleimhautzellen des Dickdarms (Kolon) oder Mastdarms (Rektum) entwickelt. Der entstehende Krebs wird dementsprechend als Kolonkarzinom oder Rektumkarzinom bezeichnet. Das Kolon- sowie Rektumkarzinom wird unter dem Sammelbegriff Kolorektalkarzinom (= Darmkrebs) zusammengefaßt. Als Mastdarm (Rektum) wird in Europa der Darmabschnitt bis zu einer Höhe von 16 cm, gemessen ab dem Anus, bezeichnet. Ab 16 cm schließt sich nahtlos der Dickdarm (das Kolon) an.
Obwohl sich der Darmkrebs (das Kolorektalkarzinom) an jeder Stelle des Dick- und Mastdarms bilden kann, ist die Häufigkeitsverteilung nicht gleichmäßig. Man kann grob sagen, daß etwa knapp die Hälfte der Erkrankungen (ca. 40%) im Rektum (Mastdarm) auftritt, während sich die andere Hälfte auf das Kolon (Dickdarm) verteilt. Die untenstehende Graphik illustriert die Anatomie von Kolon und Rektum zusammen mit der Häufigkeitsverteilung.
Risikofaktoren
Beim Darmkrebs sind eine Reihe von Faktoren benannt worden, die das Erkrankungsrisiko erhöhen. Der wichtigste Faktor ist das Alter. Bei den meisten Krebserkrankungen, so auch beim Darmkrebs, steigt das Erkrankungsrisiko mit dem Alter an. Die nachlassende Fähigkeit des Organismus, genetische Zelldefekte zu reparieren und spontan entartete Zellen zu neutralisieren, wird für diese Beobachtung verantwortlich gemacht.
Eine erbliche, sprich genetisch bedingte Häufung, wird bei vielen Tumorerkrankungen, u.a. auch beim Darmkrebs, diskutiert. Ein erhöhtes Erkrankungsrisiko besteht, wenn in der Familie Darmkrebs aufgetreten ist bzw. wenn bei Verwandten eine Neigung zur Ausbildung vieler Darmpolypen besteht. Sollte eine solche erbliche Belastung bestehen, kann durch eine intensivierte Vorsorge das eigene Erkrankungsrisiko stark vermindert werden.
Chronische entzündliche Darmerkrankungen, insbesondere die Colitis ulcerosa, gehen mit einem erhöhten Risiko für die Erkrankung an Darmkrebs einher. Deshalb ist hier eine engmaschige Vorsorge und zeitgerechte operative Behandlung angezeigt.
Symptome
Wichtigstes Symptom einer bösartigen Erkrankung von Dick- und Mastdarm ist eine Blutbeimengung bzw. Blutauflagerung im Stuhlgang. In dieser Situation ist eine schnelle Koloskopie stets angeraten, um keine wertvolle Zeit zu verlieren, falls ein Darmkrebs die Blutungsursache sein sollte. Die weiteren, oft beschriebenen Symptome sind eher unspezifisch und lassen zunächst nicht an einen Darmkrebs denken. Hierzu zählen Unregelmäßigkeiten beim Stuhlgang (z.B. stark wechselnde Konsistenz des Stuhls), uncharakteristische Bauchbeschwerden, Blutarmut (Anämie) oder Gewichtsverlust. Um einen Darmkrebs in frühem Stadium oder besser seine gutartigen Vorstufen entdecken zu können, ist eine regelmäßige Vorsorge notwendig.
Vorsorge
Aus der Analyse der Krebserkrankungsraten in Deutschland errechnet sich für jeden Menschen ein Lebenszeitrisiko von 4 - 6%, an Darmkrebs zu erkranken. Das Lebenszeitrisiko, an einem Darmkrebs zu versterben, liegt bei 2 - 3%. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, daß sich das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, durch Vorsorgespiegelungen des Dickdarms um bis zu 90% senken ließe. Ein Darmkrebs entwickelt nämlich sich in der Regel aus gutartigen Karzinomvorläufern, sog. Polypen bzw. Adenomen (Stichwort: Adenom-Karzinom-Sequenz). Diese kleinen Wucherungen, die sich an der Schleimhaut des Dickdarms bilden, können viele Jahre unverändert bestehen, bis sie irgendwann entarten. Im Rahmen einer Vorsorgekoloskopie können solche Adenome leicht erkannt und gefahrlos abgetragen werden. Sollte ein solcher Polyp bereits entartet sein, also ein Darmkrebs vorliegen, so besteht in frühem Stadium eine Heilungschance von 90%. Diese Zahlen veranschaulichen, welche überragende Bedeutung der Vorsorgekoloskopie bei der Senkung der Erkrankungsrate an Darmkrebs zukommt. Dies honorieren z.B. die gesetzlichen Krankenkassen, indem sie jedem Patienten ab dem 55. Lebensjahr die erste Vorsorgekoloskopie erstatten. Bei einem erhöhten individuellen Risiko, z.B. bei familiärer Vorbelastung, wird die Koloskopie auch in jüngeren Jahren erstattet. Jeder einzelne kann sein Erkrankungsrisiko für das Kolorektalkarzinom, die zweithäufigste bösartige Erkrankung in Deutschland, so stark senken wie für keine andere Krebsart, wenn er nur konsequent an den Vorsorgeangeboten teilnimmt. Ausgenommen ist hier das Bronchialkarzinom (Lungenkrebs), dessen Erkrankungsrisiko bei lebenslangem Verzicht auf Tabakkonsum praktisch bei null liegt.
Tumorstadien
Zu den Wachstumseigenschaften eines bösartigen Tumors gehört es, dass er sich zunächst lokal ausbreitet und benachbarte Gewebe infiltriert. Anschließend ist eine Absiedlung von Tumorzellen in die umgebenden Lymphknoten sowie in entfernte Organe (Tochtergeschwülste bzw. Metastasen) möglich. Analog verhält sich auch der Darmkrebs, der zunächst Schritt für Schritt in die Wandschichten des Darms einwächst, dann die umliegenden Lymphknoten befällt und schließlich auch Metastasen in fernen Organen, vornehmlich in Leber und Lunge, ausbildet. Hiernach bemisst sich das Stadium der Tumorerkrankung. Für eine bestmögliche Behandlung ist es sehr wichtig, das Tumorstadium, also die Ausbreitung der Darmkrebserkrankung, zu kennen.
Das Stadium ist von drei einzelnen Faktoren abhängig:
- der lokalen Infiltrationstiefe an der Darmwand (T-Stadium)
- der Infiltration von benachbarten Lymphknoten (N-Stadium)
- der Ausbildung von Tochtergeschwülsten bzw. Metastasen (M-Stadium)
Diese drei Faktoren werden zum TNM-Tumorstadium zusammengefasst und dabei zusätzlich mit Zahlen versehen. Dies geschieht folgendermaßen:
T-Stadium (T = Tumorgröße)
Die lokale Infiltrationstiefe an der Darmwand bestimmt das T-Stadium des Tumors. Je nach Ausdehnung werden die Zahlen 1 bis 4 vergeben unter Berücksichtigung der folgenden Definition:
| T1 | Der Tumor infiltriert die Schleimhaut des Darms (Ausbreitung bis auf die Submucosa) |
|---|---|
| T2 | Der Tumor infiltriert die Muskelhülle des Darms (Ausbreitung bis auf die Muscularis) |
| T3 | Der Tumor infiltriert alle Wandschichten des Darms (Ausbreitung bis durch die Lamina propria hindurch in die Subserosa) |
| T4 | Der Tumor durchbricht den Bauchfellüberzug des Darms oder infiltriert umliegende Gewebe und Organe |
N-Stadium
(N = nodi lymphatici / Lymphknoten)
Die Infiltration der umgebenden Lymphknoten bestimmt das N-Stadium des Tumors. Je nach Anzahl der betroffenen Lymphknoten werden die Zahlen 0 bis 2 vergeben unter Berücksichtigung der folgenden Definition:
| N0 | Alle mikroskopisch untersuchten Lymphknoten sind tumorfrei (hier ist die mikroskopische Untersuchung von mind. 12 Lymphknoten erforderlich) |
|---|---|
| N1 | In 1 bis 3 Lymphknoten lassen sich Tumorzellen nachweisen |
| N2 | In 4 oder mehr Lymphknoten lassen sich Tumorzellen nachweisen |
M-Stadium
(M = Metastasen)
Das Vorhandensein von Metastasen, also Tochtergeschwülsten in anderen Organen, bestimmt das M-Stadium des Tumors. Je nachdem, ob Tochtergeschwülste nachgewiesen sind, werden die Zahlen 0 oder 1 vergeben unter Berücksichtigung der folgenden Definition:
| M0 | Es sind keine Metastasen nachweisbar |
|---|---|
| M1 | Es sind Metastasen vorhanden |
Mit Hilfe dieser wenigen Buchstaben und Zahlen ist es also möglich, die Ausbreitung des Darmkrebses sehr genau zu beschreiben. Wenn der Tumor z.B. alle Darmwandschichten befällt, aber die umliegenden Lymphknoten noch nicht infiltriert sind und auch keine Tochtergeschwülste bestehen, so lautet die Tumorformel: T3, N0, M0.
Eine solche, möglichst exakte Definition ist notwendig, um für jeden Patienten die Behandlung mit dem besten Langzeiterfolg auswählen zu können. Denn die Therapiemöglichkeiten umfassen nicht nur die Tumorresektion, sprich die operative Entfernung der Geschwulst. In vielen Fällen können die Langzeitergebnisse durch eine Erweiterung der Behandlung mittels Bestrahlung und/oder Chemotherapie deutlich verbessert werden. Und genau hier ist es wichtig, das Tumorstadium exakt zu kennen, um dann die beste Behandlung auszuwählen. Im Darmzentrum Coburg findet jede Woche eine sog. interdisziplinäre Tumorkonferenz statt, wo sich die Vertreter aller beteiligten Kliniken treffen, um für jeden Tumorpatienten individuell die wirksamste Therapie anhand des Tumorstadiums festzulegen.

